Wie KI die Denkarbeit verändert

Früher baute sich das Wissen im Team über mehrere Sprints organisch auf. Jetzt plane ich mit KI am Anfang deutlich länger. Das fühlt sich langsam und manchmal “falsch” an. Kennst du das auch?

Tim · 23. März 2026

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Hintergrund

Ich arbeite gerade an der Produktseite für Laica. Diese Seite taucht an verschiedenen Stellen in der Customer Journey auf: als erstes Ziel einer Google-Suche, um das Verständnis eines Tools zu vertiefen, als letzter Schritt vor einer Anfrage. Dieselbe Seite hat unterschiedliche Anforderungen und verbindet mehrere Datenquellen zu einer Einheit.

Früher

hätte ich die erste Version mit einem groben Konzept auf Papier oder in Figma skizziert, dem Team gezeigt und über mehrere Sprints und Feature Releases hinweg hätten wir die Seite und das Wissen dazu aufgebaut und erweitert. Dabei trugen unterschiedliche Rollen ihren Teil bei: Der Product Owner hatte das grosse Bild im Kopf. Als UX Designer lag mein Fokus auf der Journey und den Interaktionen. Die Entwickler kannten den Stack und die Umsetzung. Dieses Wissen war verteilt, und es hat sich über die Zeit verdichtet. Gemeinsam mit den Entwicklern war es meine Aufgabe, dieses Wissen laufend zu dokumentieren und sicherzustellen, dass man Entscheidungen bei der nächsten Änderung noch nachvollziehen konnte.

Heute

sitze ich alleine an einem Feature und trage mehrere Hüte. Anstatt mit einer Skizze schnell in die Umsetzung zu starten, halte ich meine Idee erst konkret als Text und Diagramme fest: Welche Kontexte gibt es? Was erwartet die Nutzerin in jedem davon? Wo überschneiden sich die Anforderungen, wo widersprechen sie sich? Was sind die Ausnahmen? Welche technischen Aspekte müssen wir berücksichtigen? Welche Schritte im Alltag übernimmt die KI, wo der Mensch?

Das braucht Zeit. Ein bis zwei Tage vergehen, bevor eine einzige Zeile Code geschrieben ist. In dieser Zeit spreche ich das Konzept und die Anforderungen durch, überarbeite das Konzept, lasse es prüfen und kritisieren. Das fühlt sich erstmal sehr Wasserfall und anti-agil an. Und manchmal frage ich mich darum, ob das wirklich richtig ist? Aber ich bin kein Freund von Vibe-Coding (Vibe-Experiments hingegen sehr!). Ich habs versucht. Der Abfang geht schnell, aber sobald weitere Features hinzu kommen, fällt mein Vibe-Kartenhaus jeweils in sich zusammen und das Refactoring fängt an. Darum bin ich dabei gelandet, erst mal sauber zu spezifizieren.

Denn danach geht es schnell. Sehr schnell. Was früher mehrere Sprints gebraucht hätte, dauert jetzt kaum eine Kaffeepause. Die erste Version steht. Dann Anpassungen, Bugfixes, Dokumentation, Release.

Das Paradox

Es fühlt sich am Anfang langsamer an, fast “falsch”. Und in meiner Erfahrung ist es selbst kurzfristig trotzdem schneller, weil die Umsetzung selbst kaum Zeit braucht. Und mit dem geschaffenen Wissen (Kontext) sind folgende Erweiterungen an den Grundfeatures relativ schnell umgesetzt, und enden nicht mehr im Refactor-Wahnsinn wie beim freien vibe-coding.

Was mich dabei am meisten überrascht

Die Qualität der Denkarbeit. Früher sind viele Entscheidungen über die Zeit implizit entstanden, im Gespräch, im Sprint, im Test. Heute muss ich sie explizit treffen, bevor ich anfange. (Die KI kennt kein “ist doch logisch”). Das zwingt mich, Dinge zu Ende zu denken, die ich früher am Anfang offen gelassen hätte.

Ich persönlich finde das befreiend, anstrengend und insbesondere spannend zugleich, wie sich die Rollen und Anforderungen verschieben. Wie erlebst du das? Arbeitest du auch alleine mit KI, oder im Team? Wie verändert sich dein Alltag und der Zeitpunkt, an dem du nachdenkst??

Schreib mir gerne: tim@laica.ch